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Der Kirchhof von St. Johannis in Nieblum ist einzig in seiner Art.
Mit 265 historisch wertvollen Grabplatten und Grabsteinen hat er den größten Bestand an Grabmalen, den ein nordfriesischer Insel-
Seit Jahrhunderten haben die Föhringer aus Nieblum und den umliegenden Dörfern ihre Toten hier bestattet. Im Anfang wurden die Gräber mit einfachen Holzkreuzen und gelegentlich mit Findlingen geschmückt, die allenfalls Namen, Geburts-
Beginn und Entwicklung der Grabsteinkunst
Zuerst waren es fliesenähnliche Sandsteinplatten, mit einer Bohrung, in der ein Holzstab oder Walknochen Halt fanden, um die Platte in schräger Lage aufstellen zu können. Dann kamen die größeren "Bremer Steine" auf, die man aus den Steinbrüchen bei Bremen (in den meisten Fällen als Rohlingeff) nach Föhr holte. Erst nach 1700, als mit dem Wahlfang (wie man annimmt) ein gewisser Wohlstand auf die Insel kam, wurden aufrechtstehende Grabsteine Brauch. Oft konnten die Hinterbliebenen eines Verstorbenen erst Jahre nach der Bestattung den Stein setzen lassen,
wenn sie finanziell dazu in der Lage waren (wobei man auch mal einen älteren Stein abschleifen und mit einer neuen Inschrift versehen ließ).
Die Steinmetzen und Bildhauer
Die Grabsteine wurden zumeist von einheimischen Kunsthandwerkern hergestellt, z.B. in Oevenum und Alkersum. Auf einer Grabplattenrückseite stehen einige Buchstaben und das Wort "ALVABET. Man darf hier vermuten, daß es sich um eine Probiertafel aus der Werkstatt eines Steinmetzen handelt.
Die Bildersprache der Reliefs
Die bildliche Darstellung und das Rahmenwerk auf einem Grabstein dienten nicht nur der Zierde. Sie geben im Stil des Barock und Rokoko (nach Kupferstich-
von Glaube, Liebe und Hoffnung' stolze Schiffe, Mühlen und oft den Familienbaum. Die Tulpen darin bedeuten männliche, die sternförmigen Blumen weibliche Famitienmitglieder. Geknickte Blüten zeigen, daß die Betreffenden vor dem Bestatteten gestorben waren.
Inschriften
Sie erzählen in eindrucksvoll verdichteter Sprache von ergreifend schlichten oder schweren Schicksalen. Und wir erkennen: Was in einem (auch sehr langen) Menschenleben wesentlich ist, läßt sich tatsächlich auf einer ca. 160 x 70 cm großen Steintafel aufschreiben! Am Anfang steht oft ein Leitspruch oder ein Bibelvers. Erfolge eines Verschiedenen werden genau aufgezählt. Der nicht so Glückliche wird wenigstens ob seiner Ehrbarkeit gelobt. Und immer bat man um den Segen Gottes fur den dahingegangenen, in kunstvoll gestalteten Abktürzungen, siehe wie folgt:
J.S.G.G.S. = Ihren Seelen Gott gnädig sei
D.S.G.G.S. = Deren Seelen Gott gnädig sei
I.S.S.G.G. = Ihrer Seele sei Gott gnädig
D.S.G.G.I. = Deren Seelen Gott gnädig ist
G.S.S.S.G. = Gott sei seiner Seele gnädig.
Mit der vergnügten Ehe, von der man auf einigen Grabsteinen lesen kann, ist nicht etwa eine
lustige Ehe gemeint. Nach altem Sprachverständnis war das Vergnügen mehr ein sich-
Einblick in das Volksleben
Auf den ganz alten Grabsteinen von Nieblum wird man keinen Adelsnamen finden, nur solche von Fischern, Kapitänen, Müllern u.ä. und deren Familienmitgliedern. So gewinnen wir, wie kaum sonst, einen ebenso tiefen wie weit zurückreichenden Einblick in eine rein rfbürgerlicheff Dorfgeschichte, die sich aus anrührenden Einzelschicksalen
zusammenfügt.
Die folgend abgebildeten Grabsteine von Nieblum
Von den 265 historisch wertvollen Grabplatten und Grabsteinen wurden 24 besonders bedeutsame Exemplare abgebildet.
Da die alten Inschriften nicht mehr leicht lesbar sind, wurden sie in heutiger Schrift, wiedergegeben, und zwar möglichst Zeile um Zeile und in originalgetreuer Schreibweise.
Denn Sie sollen mit diesem kleinen Buch in der Hand den Text Wort für Wort erkennen und mitlesen können. Mit Hilfe des Lageplans auf der letzten Umschlagseite werden.
Leitspruch: Dich krönte Gott mit freuden
Bildwerk: Barocke Ornamente, Mühlenmotiv über dem eine Metallkrone eingesetzt war.
Text: Bis zum frohen Auferstehungestage ruhen
allhier die irdischen Übereste des vieljährig
gewesenen Sagemüllers Peter Friedrichs aus
Nieblum. Er ist im Jahre 1754 den 25ten Decembr.
auf Langeneß geboren und hat in seinem 10jährigen
Wittwerstande mit vielen Widerwärtigkeiten
ka(m)pfen müssen. Nach ausgestandener 8wöchiger
Krankheit entschlief er den 11ten Februar 1817.
Spruch: Sollt ich mich vor dem Tode scheun?
Mich nicht vielmehr der Hinfahrt freun?
Nicht deiner, der du mich erschufst
Begierig warten? wenn du rufst.
Bildwerk: Beide Steinhälften sind mit floralem Ornament im Kopfteil
Die Stele (griech Säule, Grabsäule schmale aufrechtstehender Grabstein) aus Sandstein ist der für die Inselfriedhöfe klassische Grabstein des 18. und 19. Jahrhunderts geworden, und sie wird z.T. bis heute verwendet. In der Bekrönung enthält die Stele meist eine bildhafte Darstellung die häufig von einem Spruchband umgeben ist (Nr.7). Dann folgte in Text, der ausführliche Lebensweg des Verstorbenen schildert. Im unteren Bereich findet sich oft ein
Spruch oder eine weitere bildliche Darstellung. Viele Stelen sind im Laufe der Zeit abgeschliffen und neu beschriftet worden, wobei die alte Bekrönung jedoch meist erhalten blieb, einige waren früher sogar farbig bemalt, was stellenweise auch noch heute erkennbar ist.
Die Fliese besteht aus rotem Sandsteind, er im Solling oder im nördlichen Westfalen gebrochen wurde. Sie hat in der Mittte eine Bohrung und wurde mit Hilfe eines Dübels an
einem senkrecht in das Erdreich eingelassenen Stück Holz oder Walkieferknochen befestigt.
Einige Fliesen sind an der Kirche in der Nähe des Turmes aufgestellt (Nr. 19,20).
Zu erwähnen wären noch die wenigen klassizistischen Steine vom Beginn des 19. Jahrhunderts (Nr.10), die sich auf dem Friedhof fast wie Fremdkörper ausnehmen. Sie verzichten auf biographische Weitschweifigkeit und sind in ihrem figürlichen Schmuck schlicht erhalten und vom Geist jener Zeit geprägt. Erst in neuerer Zeit hat sich auch auf den Inseln der Grabstein aus poliertem Granit durchgesesetzt, der nur die Namen der Verstorbenen und ihre Lebensdaten nennt. Trotzdem entschließt sich immer wieder einmal eine Familie, eine neue Sandsteinsteile in Auftrag zu geben oder die Rückseite einer alten zu verwenden.
unten Bildwerk: Beide Steinhälften mir floralem Ornament im Kopfteil
ALLHIER RUHET
DIE NUNMERO SEEL:
THOR NICKELSEN
AUS NIEBLUM
GEBOREN A° 1672
D. 30 OCT. GESTOR
BEN A° 1757 D. 24
DECEMB IHRES AL
TERS 85 JAHR 8
WOCHEN
ALLHIER RUHET
NUNMEHRO SL.
NICKELS ADIES
AUS NIEBLUM
GEBOHREN A° 1667
D. 5 JAN. GESTOR
BEN A° 1737 D. 8.
SEPT. SEINES AL
TERS 69 JAHR 46
WOCHEN